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Karl Fruchtmann
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Karl Fruchtmann (* 10. Dezember 1915 in Meuselwitz; â 10. Juni 2003 in Bremen) war ein deutscher Regisseur, Autor und Filmemacher.
Contents
⢠Leben
⢠Filmschaffen
⢠Die Katze (1968)
⢠Ketten (1976)
⢠Filmografie
⢠Ăbersetzungen
⢠Auszeichnungen
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Leben
Karl Fruchtmann wurde in eine polnisch-jßdische Familie geboren.cite-ref-1[1] Mit vier Geschwistern wuchs er in der damals zum Herzogtum Sachsen-Altenburg gehÜrenden, später thßringischen Kleinstadt Meuselwitz auf. 1936 wurden er und sein Bruder Max in das KZ Sachsenburg bei Chemnitz verschleppt. Später kam Karl Fruchtmann in das KZ Dachau, von wo er 1937 unter der Zusicherung, umgehend Deutschland zu verlassen, wieder freikam. Noch im selben Jahr wanderte er nach Palästina aus. In den 1950er Jahren verbrachte er einige Zeit in London und New York. 1958 kehrte er nach Deutschland zurßck und erlernte beim Westdeutschen Rundfunk als Kabelträger das filmische Handwerk. Als Regisseur inszenierte er u. a. in Bern, Zßrich (Schauspielhaus), Berlin, Dßsseldorf, Wuppertal, am Burgtheater Wien und am Thalia-Theater Hamburg.cite-ref-az-19710113-p6-2-0[2] 1996 erfolgte die Ernennung zum Honorarprofessor fßr Filmwissenschaft an der Universität Bremen.
Sein älterer Bruder war der Schriftsteller Benno Fruchtmann. Fruchtmann war mit der aus Kanada stammenden Malerin Janet Clothier (1928â2012)cite-ref-3[3] verheiratet, aus der Ehe stammt die 1961 geborene Tochter Sara Fruchtmann, die zunächst als Filmeditorin und Regisseurincite-ref-4[4] arbeitete und seit 2006 das Bremer Geschichtenhaus leitetcite-ref-5[5]. Fruchtmanns schriftlicher Nachlass befindet sich im Nachlass-Archiv der Akademie der KĂźnste in Berlin.
Filmschaffen
Seine erste Regie war 1962 die Fernsehspielbearbeitung eines englischen Bßhnenwerks.cite-ref-6[6] 1963 begann bei Radio Bremen seine langjährige Zusammenarbeit bei 30 Filmprojekten mit dem Kameramann Gßnther Wedekind.cite-ref-7[7]
Fruchtmanns Credo: âIch habe, glaube ich, keinen Film gemacht mit dem ich nicht etwas sagen wollte. (...) Ja, ich glaube, alles was ich mache, stellt die Anforderung, eine Aussage zu sein Ăźber menschliche Verhältnisse, Ăźber menschliche Verhaltensweisen und beinhaltet ganz sicher den Wunsch, dass das, was schlecht ist, vielleicht ein bisschen weniger schlecht sein wird.â.cite-ref-8[8]
Das Abschiedsgeschenk (1962)
Das Fernsehspiel ist die deutsche Bearbeitung des BĂźhnenstĂźcks The Browning Version von Terence Rattigan in der Ăbersetzung von Alfred H. Unger. Am Ende seiner eher erfolglosen Laufbahn erhält der Lehrer Andrew Crocker-Harris (gespielt von Wolfgang BĂźttner) die Ăbersetzung des Agamemnon durch den viktorianischen Dichter Robert Browning. Rattigan schildert das Ringen Brownings mit dem Drama von Aischylos Ăźber das Scheitern des HeerfĂźhrers vor Troja und seine Ermordung durch die untreue Ehefrau. Er sah darin nicht nur das klassische Vorbild Ăźber Ambitionen und Scheitern, sondern wollte auch aufzeigen, warum Klytaimnestra durch Arroganz und Egoismus des Ehemanns in die Untreue getrieben worden sei. Eine kaum zu Ăźbersehende Andeutung der SchĂźler auf das Leben ihres gescheiterten Lehrers. Dieser hatte mit seinem zunehmenden Missmut durch die frustrierenden und sich stets wiederholenden Aufgaben als Sprachlehrer am College die BedĂźrfnisse seiner lebenshungrige Frau Millie (gespielt von Dagmar Altrichter) vĂśllig missachtet. Im Disput mit seinen Kollegen muss er sich eingestehen, dass Brownings Ăbertragung deutlich moderner sei, als seine NeuĂźbersetzung. Zugleich wird er vom Geliebten seiner Frau, dem jungen Physiklehrer Frank Hunter (gespielt von Georg Thomas) in einen Disput vom vermeintlichen Vorrang der Naturwissenschaften verwickelt, der die zu diesem Zeitpunkt aufkommende These von C. P. Snow zu den Zwei Kulturen aufgreift. Mit diesen drei Ebenen (Antike = Aischylos, Viktorianisches Zeitalter = Browning, Gegenwart = Rattigan) versucht Fruchtmann die zeitlose Dynamik menschlichen Scheiterns an den eigenen AnsprĂźchen zu schildern.cite-ref-9[9]
Philadelphia, ich bin da (1967)
Das tragisch-komische Drama ist im fiktiven âBallybegâ angesiedelt, in dem der irische Autor Brian Friel 14 seine StĂźcke spielen lässtcite-ref-10[10]. In 24 Stunden wird Gary OâDonnell (gespielt von Peter Striebeck)cite-ref-11[11] im Flugzeug nach Philadelphia sitzen. Dort wartet Tante Lizzy und sein neuer Job im Emperor-Hotel. Am letzten Tag gilt es nun Abschied zu nehmen. Abschied vom wortkargen Vater, der jeden Abend, wenn er seinen Kramladen zugeschlossen hat, mit HochwĂźrden seine unvermeidlichen Damepartien spielt, aber auch von der Clique und ihren meist erfundenen Liebesabenteuern. AuĂer dem mit Kate, mit der zusammen er einmal sieben Jungen und sieben Mädchen miteinander haben wollte. Landflucht und Aufstieg versus Geborgenheit und Bescheidenheit einer Kleinstadt als transnationales Phänomen und Zeitspiegel machten das StĂźck zu einem der meistgespielten irischen Dramen.cite-ref-12[12]
Die Katze (1968)
Jean Anouilh schrieb fĂźr das deutsche Fernsehen ein âmodernes Märchen fĂźr Erwachseneâ, fĂźr das er seine Bearbeitung antiker Tierfabeln benutzte. Angesiedelt in einem holländischen Dorf des 19. Jahrhunderts werden die Wirkungsweisen von âLiebeâ seziert.cite-ref-13[13] Eigentlich will Kanzleischreiber Hans (gespielt von Ralf Schermuly) standesgemäà die Wäscherin Maria heiraten. Deshalb nimmt er auch manch obskuren Auftrag an. So den von Baron Grotius (gespielt von Siegfried Wischnewski), auf seinem verwilderten Anwesen die unĂźberschaubaren Tierschar zu entwimmeln, indem er seine Kunst Vogelstimmen nachmachen zu kĂśnnen dafĂźr einsetzt, wenigstens Katzen und VĂśgel zu trennen. Ein Unterfangen, das ihn zu einer Ăbernachtung zwingt. In der Nacht schleicht ein rotblondes Kätzchen in Hansâ Zimmer. Am nächsten Morgen ist es wieder verschwunden, doch kaum das Haus des Barons verlassend, begegnet ihm mit katzenhafter Eleganz ein Mädchen, das der nächtlichen Besucherin zu gleichen scheint. Agathes (gespielt von Donata HĂśffer) verfĂźhrerischer Charme lässt Hans zweifeln, was nun die richtige Wahl ist, Treue oder Sehnsucht, Zuverlässigkeit oder SchĂśnheit.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15] Fruchtmann sei es jedoch trotz geschickter Regie und hervorragenden Darstellern nicht gelungen, die intendierte âelegante Provokationâ gegen den Zeitgeist moderner Beziehungen gerichtete StĂźck-Idee herĂźberzubringen, die sonst Anouilhs anderen Antikenadaptionen innewohnen wĂźrdecite-ref-16[16], so die Theaterkritikerin Anne Schlichtmann.
Ketten (1976)
Ein Kleinkrimineller auf der Flucht. Bei einem nächtlichen Einbruch in Dublin wird Johnson (gespielt von Vadim Glowna) ertappt. Er schlägt den Polizisten nieder, entkommt in einem gestohlenen Wagen. Die Fahndungsschlinge zieht sich immer enger. Untergetaucht bei einer alten Frau in den Slums, will er diese am Verrat hindern, mit tĂśdlichen Folgen und doch vergeblich. Nun verketten sich die Ereignisse. Ein Polizist kommt ihm zu nahe und wird erschossen. Jetzt kommt die GroĂfahndung. Jetzt ist das eine Fernsehnachricht und die Chance fĂźr den ehrgeizige Fernsehreporter Davidson (gespielt von Rolf Becker). Der denkt sich den einfältigen Verbrecher hinein, ahnt seine Schritte, versteht seine Motive. Seine Reportagen werden gelobt. Jetzt ist er in Zugzwang, muss âliefernâ. Durch Zufall ist er Johnson und der Polizei einen Schritt voraus. Der Verbrecher auf der Flucht - ein Live-Interview. Die groĂe Chance. Um den Jungen nicht zu verschrecken, macht er Zugeständnisse, lässt die Polizei im Unklaren. Sein Verständnis fĂźr den zweifachen MĂśrder wird gesendet. Sein TV-Beitrag irritiert. Darf man das?.cite-ref-17[17] Die Frage nach der Verantwortung der Medien stellt Fruchtmann ohne klare Positionierung und unterscheidet sich damit von der Romanvorlage des australischen Journalisten Kenneth Cook.cite-ref-18[18] Ist die Sensationslust des Publikums ein ausreichender Rechtfertigungsgrund? Erlaubt die journalistische Neutralität auch, legitime Polizeiarbeit nicht zu unterstĂźtzen? Mit seiner Medienkritik greift Fruchtmann ein Grundproblem der Boulevardpresse auf - und das Ăźber zehn Jahre vor der Geiselnahme von Gladbeck von 1988.
26. April 1977 (1977)
Das Fernsehspiel von Radio Bremen schildert einen Tag im Leben einer esoterischen Glaubensgemeinschaft, die sich in der Wohnung einer Frau versammelt, um den Weltuntergang zu erwarten. Existenzangst, Unsicherheit, Angst vor Isolation und Enttäuschung Ăźber die Sinnlosigkeit ihres Daseins hat die acht Menschen zusammengefĂźhrt. Sie alle glauben an die Existenz auĂerirdischer, hĂśher entwickelter Wesen, die die ZerstĂśrung des Planeten Erde mit Sorge beobachten. Der pensionierte Studienrat (gespielt von Wolfgang BĂźttner) ist der geistige FĂźhrer der Gruppe. Er hat zahlreiche Dokumente und wissenschaftliche Materialien zusammengetragen, die die Glaubensthesen und Vorhersagen bestätigen und untermauern sollen. In Verbindung zu ihrem âGottâ treten die Gläubigen durch die Hausfrau (gespielt von Ursula Hinrichs), die mediale Fähigkeiten besitzt und ihnen die Botschaften und Prophezeiungen Ăźbermittelt. Sie hat auch fĂźr den 26. April die kosmische Katastrophe verkĂźndet, aus der alleine die âGemeindeâ errettet werden soll. Die Gewissheit, auserwählt zu sein und schlieĂlich errettet zu werden, hat den Gläubigen Kraft und Mut gegeben zu leben. Doch die Ăźbermittelte Prophezeiung erfĂźllt sich nicht. Die Wartenden beginnen, an ihrem Glauben zu zweifeln.cite-ref-19[19]
Gesche Gottfried (1978)
1831 lässt auf dem Bremer Domshof der Scharfrichter vor 35.000 Zuschauern das Schwert fallen. Gesche Gottfried (gespielt von Sabine Sinjen) wurde gerichtet fßr ihre 14 Giftmorde mit Mäusebutter, der tÜdlichen Mischung von Butterschmalz und Arsen. Das gegenseitige Bedingen von Hilflosigkeit einer jungen Witwe, sozialen Missstände, politisch begßnstigter FrÜmmelei und ruchloser Gewalt dient Fruchtmann als pointiertes Porträt der Doppelmoral im Biedermeier.cite-ref-20[20]
Zeugen â Aussagen zum Mord an einem Volk (1981)
Im Dokumentarfilm Zeugen â Aussagen zum Mord an einem Volk lässt Fruchtmann erstmals Zeitzeugen der Shoah im Deutschen Fernsehen zu Wort kommen. Der Film zeigt Interviews in Israel und Polen mit 60 Ăberlebenden der NS-Konzentrationslager. So entstanden 80 Stunden Interviewmaterial, die bis heute bei Radio Bremen archiviert sind. In seinen Filmen verzichtete Fruchtmann auf begleitenden Text oder Kommentar, die Namen der Zeugen wurden nicht genannt. Als Schnittbilder nutzte er musikalisch untermalte Aufnahmen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Anders als bei der 1979 ausgestrahlten amerikanischen TV-Serie Holocaust, die das Leben der fiktiven Familie WeiĂ erzählt, reagierte das deutsche Fernsehpublikum mit Ablehnung auf die Filme, die zur besten Sendezeit im Ersten Programm ausgestrahlt wurden. Bei Radio Bremen gingen wĂźste Beschimpfungen per Brief und Telefon ein. 2021 wurde in der ARD dazu die Dokumentation Zeugen â Wie der Holocaust ins Fernsehen kam gesendet. In dem Film wird gezeigt, wie Fruchtmann, seine Tochter und Mitarbeiterin Sara Fruchtmann und der Kameramann GĂźnther Wedekind die Interviews fĂźhrten, wie dies auf sie wirkte und wie das Fernsehpublikum reagierte.cite-ref-21[21]
Heinrich Heine - Die zweite Vertreibung aus dem Paradies (1983)
âDer Film ist eine Szenenfolge. Er will nicht so tun, als erzähle er anekdotisch (...und) will vielmehr in einzelnen Sequenzen Dinge aussagen, die wahr, aussagewert und aussagenĂśtig sind. Er will dabei sehr filmisch sein, aber sich in seinem Aufwand äuĂerst begrenzen. Er schafft seine darstellende Wahrheit aber nicht mit Statisten-Massen, (...), sondern er entspricht mit der GroĂaufnahme, der Montage und der Verwendung von Stilmitteln eines symbolischen Realismusâ, leitet Fruchtmann sein Drehbuch ein.cite-ref-22[22] Die ausgewählten Szenen zeigen Heinrich Heine (gespielt von Wolfgang Hinze) auf der Suche nach sich selbst als KĂźnstler in unerbittlichen Auseinandersetzungen mit der Hamburger Familie, besonders seinem Onkel, dem Bankier Salomon Heine (gespielt von Kurt Sobotka) Ăźber den Wert von Traditionen und dem Zeitgenossen Karl Marx (gespielt von Ulrich von Bock) Ăźber den Sinn von Revolutionen.cite-ref-23[23] Verbindende Person zwischen beiden Filmteilen ist âMathildeâ (gespielt von Donata HĂśffer), wie Heine seine spätere Ehefrau, die Schuhverkäuferin Augustine Crescence Mirat (1815â1883) nannte. Sie pflegte ihn in seinem Pariser Exil, als er schwer erkrankt â vermutlich an Tuberkulose â seine âMatrazengruftâ nicht mehr verlassen konnte. UnprätentiĂśs, der deutschen Sprache, in der ihr Mann Erfolge feierte nicht mächtig, seinen politischen Mitstreitern wenig gewogen, war sie sein Gegengewicht (âEs kommt mein Weib schĂśn wie der Morgen und lächelt fort die deutschen Sorgenâ), was Fruchtmann als wichtiges Korrektiv fĂźr das Spätwerk des Dichters herausarbeitet. DafĂźr inszeniert er Heine-Texte z. B. aus dem Wintermärchen und den âMemoirenâ.cite-ref-24[24]
Der Affe Gottes (1992)
Das Fernsehspiel erzählt die Hintergrßnde eines im Mittelalter nicht unßblichen Prozess gegen ein Tier.cite-ref-25[25] Ein unter Menschen lebender Affe hat Hunger. Bei der Futtersuche klettert er in die Kammer einer Magd, die er beim Entkleiden ßberrascht. Auf der Flucht landet er in einer Kirche, wo er vor Angst am Altar eine Pfßtze hinterlässt. Unzucht und Gotteslästerung sind daraufhin die Anklagen. Solche Tierprozesse dienten auch als warnendes Beispiel zur Disziplinierung aufbegehrender Menschen.cite-ref-26[26] Der Affe wird zum Tode verurteilt, doch dann sprengt ein Bote des KÜnigs heran und bringt den Begnadigungserlass. Karl Fruchtmann wollte mit der Fabel von der politisierenden Verrechtlichung auch einen aktuellen Bezug zur juristischen Aufarbeitung des damaligen Kriegs in Ex-Jugoslawien anbieten.cite-ref-27[27]
Ein einzelner Mord (1999)
Das Kriegsende ist am Karfreitag 1945 schon spĂźrbar. Die Wehrmacht ist in AuflĂśsung. Der Volkssturm sucht vermeintliche Wehrkraftzersetzer. In einem Wald bei Waldshut wird der 17-jährige Anton Reinhardt (gespielt von David Cesmeci) aufgegriffen. Der Sinto konnte einem Lager entfliehen und war in Richtung Heimat unterwegs. Der TruppfĂźhrer Franz Wipfler (gespielt von August SchmĂślzer) quält den Jungen, um mehr Ăźber andere flĂźchtige Wehrkraftzersetzer zu erfahren. Ergebnislos wird wegen dieses âWiderstandsâ das standgerichtliche Todesurteil verhängt. Der Ăśrtlich âvon Amts wegen zuständigeâ FĂśrster Karl Hauger (gespielt von Christian Doermer) soll das erledigen. Er lässt Anton sein eigenes Grab schaufeln um ihn dann zu erschieĂen. Nach dem Krieg muss er sich dafĂźr verantworten. Das Urteil lautet Totschlag, da ja die Tat zum Erhalt der Ordnung diente. Kein Tatbeteiligter muss fĂźr länger als zwei Monate in Haft, ihnen sei ihre auch rassistische Verblendung entlastend zuzurechnen. Fruchtmann verwendet fĂźr die Darstellung die VerhĂśr- und Aussageprotokolle der Akte Anton Reinhardt in der Dokumentationsstelle Ludwigsburg. Neben wenigen Spielszenen, wie Antons Schaufeln der Walderde, ist der Film als Kammerspiel angelegt, in dem Veränderungen der Stimmen das Innenleben spĂźrbar machen sollen. So schwankt TruppfĂźhrer Wipfler zwischen dem anfänglich weichen Bitten um Verständnis und der selbstgerecht-soldatischen Uneinsichtigkeit bei UrteilsverkĂźndung. Besonders beeindruckt zeigten sich zeitgenĂśssische Kritiker von der Ausdrucksstärke der Mutter (gespielt von Monica Bleibtreu) zwischen liebevollem Erinnern an den Sohn, wĂźtendem Leid angesichts des auftrumpfenden Täters Hauger und in schwerem bebenden Atmen endender Hilflosigkeit.
Fruchtmann war sich der âZumutungâ an die Fernsehgewohnheiten bewusst: Der VĂślkermord der Nazizeit sei nur schwer zu ästhetisieren und wir mĂźssten âuns abgewĂśhnen, die Fernsehzuschauer fĂźr so blĂśd zu halten, wie das Programm meistens ist.â Der Rezensent in der taz stellte angesichts der sehr schwachen Einschaltquote allerdings fest: âAber den Kampf gegen die Ă la Guido Knopp wohl âzeitgemäĂenâ Formen der historischen Dokumentation im aktuellen und aktualisierungsgeilen Medium Fernsehen hat dieses still-schreiende Dokumentarspiel längst verloren.âcite-ref-28[28]
Filmografie
⢠1962: Das Abschiedsgeschenk. WDR, Fernsehspiel
⢠1962: Ein netter Abend. WDR, Fernsehspiel
⢠1963: Ein Todesfall wird vorbereitet. WDR, Kriminalstßck in 3 Akten von Jack Popplewell, deutsche Bearbeitungcite-ref-29[29]
⢠1963: Männer am Sonntag. ZDF, Fernsehspiel, nach dem Stßck von Jean-Louis Roncoroni
⢠1964: LebenskĂźnstler. RB, Fernsehspiel, nach dem Lustspiel von ZdzisĹaw SkowroĹski
⢠1966: Erinnerung an zwei Montage, RB, Fernsehspiel
⢠1966: Tempelchen. ZDF, Fernsehspiel, nach der Erzählung von 1950 von Werner Bergengruen
⢠1966: Die verlorenen Schuhe. ZDF, Spielfilm, nach dem Stßck von Ernst Petzold
⢠1967: Ein Mädchen fßr Wind. ZDF, Spielfilm
⢠1967: Philadelphia, ich bin da! RB, Spielfilm, nach der TragikomÜdie von Brian Friel
⢠1968: Die Katze. ZDF, Fernsehspiel
⢠1969: Juno und der Pfau. ORF, Spielfilm, nach dem gleichnamigen Drama von SeĂĄn OâCasey
⢠1969: Kaddisch nach einem Lebenden. RB, Spielfilm
⢠1969: Spassmacher. RB, Fernsehspiel nach dem Bßhnenstßck 1967 von Viktor Rosow
⢠1970: PlÜtzlich. RB, Dokumentarspiel nach der eigenen biographischen Skizze von 1966
⢠1972: Der Mann auf meinem Rßcken. ZDF, Spielfilm
⢠1972: Jubipenser. RB, Fernsehspiel
⢠1972: Das Paradies auf der anderen Seite. ZDF, Spielfilm, nach dem Krimi-Drehbuch Ramshackle Road von Peter J. Hammond.cite-ref-30[30]
⢠1973: Alfie. Spielfilm
⢠1974: Krankensaal 6. RB, Fernsehspiel/Theateraufzeichnung nach einer Erzählung von Anton Tschechowcite-ref-31[31]
⢠1975: Olaf und Albert, ZDF, Fernsehspiel, nach dem Bßhnenstßck von Heinrich Henkel
⢠1976: Ketten. ZDF, Spielfilm
⢠1976: Der Opportunist oder Vom Umgang mit Besatzern. ZDF, Dokumentarspiel, ßber den Hochverratsprozess gegen den franzÜsischen Vichy-Ministerpräsidenten Pierre Laval
⢠1976: Himmel und Erde. ZDF, Fernsehinszenierung des Bßhnenstßcks von Gerlind Reinshagen
⢠1977: Das Hochzeitsfest. SFB, Fernsehspiel nach der Novelle Eine dumme Geschichte von Dostojewski
⢠1977: 26. April 1977. RB, Fernsehspiel
⢠1978: Ein einfacher Mensch. Fernsehspielcite-ref-32[32]
⢠1978: Gesche Gottfried. RB, Spielfilm
⢠1980: Der Boxer. ZDF, Spielfilm nach dem Roman von Jurek Becker
⢠1981: Der Schatz des Priamos
⢠1983: Heinrich Heine - Die zweite Vertreibung aus dem Paradies (Zweiteiler). 3sat, Fernsehspiel
⢠1983: In Goethes Hand. Szenen aus dem 19. Jahrhundert, von Martin Walser. ORF, Fernseh-Aufzeichnung am Burgtheatercite-ref-36[36]
⢠1986: Mademoiselle Fifi. RB, Spielfilm nach der Novelle von Guy de Maupassant
⢠1986: Ein einfacher Mensch. WDR/arte, Dokumentarfilmcite-ref-37[37]
⢠1989: ...trotzdem! RB, Spielfilm, ßber die Dreyfus-Affärecite-ref-38[38]
⢠1991: Tote Briefe. ZDF, Fernsehspiel, nach dem Roman von Siegfried Lenz
⢠1992: Der Affe Gottes. RB, Fernsehspiel
⢠1999: Ein einzelner Mord. RB, Spieldokumentation
Literarisches Werk
⢠Jiemand. Ein pantomimischer Monolog. Fßr Ulla zum Spielen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1964.cite-ref-41[41]
⢠PlÜtzlich. Stßck in einem Akt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966.cite-ref-42[42]
⢠Auschwitz-Kinderlieder. (anonym) Donat, Bremen 1990, ISBN 3-924444-47-1.cite-ref-43[43]
⢠Ein Kasperle-Theater. In: Stint (literarisches Magazin), Edition Temmen, Bremen 1991, Bd. 9, S. 81â90
⢠Bemerkungen zu dem Film, den ich nicht machen werde. In: Stint (literarisches Magazin), Edition Temmen, Bremen 1992, Bd. 11, S. 158â165
⢠Ein einfacher Mensch, Gespräch mit Nea Weissberg-Bob (Hg.): Jetzt wohin? Von aussen nach innen schauen. Gespräche, Gedichte, Briefe. Was ist eigentlich âjĂźdischâ und was âdeutschâ?, Lichtig, Berlin 1993, S. 29â40
Ăbersetzungen
⢠John Arden: Der Packesel. KomĂśdie (The workhouse donkey, 1963). In: Theater heute 1964, Heft 6 (Juni), S. 52â72
⢠John B. Priestley: Zur Rose und Krone. Ein Schauspiel in einem Akt (The Rose and Crown, 1946). Deutscher Laienspiel-Verlag, Weinheim an der BergstraĂe 1966.cite-ref-44[44]cite-ref-45[45]
⢠Wallace Hamilton:cite-ref-46[46] Die Verstossenen (The Burning of the Lepers, 1963), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966
⢠N. Richard Nash: Unsere Jenny (SFB, Manuskript fßr das Drehbuch, Berlin 1966)
⢠John Arden: Armstrong sagt der Welt Lebwohl. Eine Ăbung in der Diplomatie (Armstrong's last goodnight, 1965). Enthalten in: Der Tanz des Sergeanten Musgrave, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1967
Auszeichnungen
⢠1987 - Filmpreis Rheinland-Pfalz fßr Ein einfacher Mensch
⢠1987 - Adolf-Grimme-Preis mit Gold fßr Ein einfacher Mensch
⢠1988 - DAG-Fernsehpreis in Silber fßr Trotzdem!cite-ref-47[47]
⢠1990 - Senatsmedaille fßr Kunst und Wissenschaft des Landes Bremen
⢠1991 - Kultur- und Friedenspreisträger der Villa Ichon Bremen
Literatur
⢠Stan Schneider: ...trotzdem! Anmerkungen zu Karl Fruchtmanns neuestem Film. Interview in: Frankfurter JĂźdische Nachrichten, September 1989, S. 47â49.
⢠Kay Weniger: Zwischen Bßhne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkßnstler 1933 bis 1945. Mit einem Geleitwort von Paul Spiegel. Metropol, Berlin 2008, ISBN 978-3-938690-10-9, S. 124.
⢠Torsten Musial, Nicky Rittmeyer (Hrsg.): Karl Fruchtmann. Ein jßdischer Erzähler. edition text + kritik, Mßnchen 2019, ISBN 978-3-86916-751-0.
⢠Karl PrĂźmm: Der groĂartige filmische Erzähler Karl Fruchtmann. Eine Wiederentdeckung. Merkur, März 2021, 75. Jahrgang, Heft 862, S. 93â100.
⢠Lea Wohl von Haselberg: Ein vergessenes StĂźck deutscher Fernsehgeschichte und ein Teil jĂźdischer Filmgeschichte. Karl Fruchtmanns ZEUGEN-Projekt. In: dies. / Lucy Alejandra PizaĂąa PĂŠrez (Hrsg.): JĂźdischer Film, ein neues Forschungsfeld im deutschsprachigen Raum. edition text + kritik, MĂźnchen 2022, ISBN 978-3-96707-721-6, S. 227â252.
⢠Ulrike Schneider: âDer Film ist so geworden, weil die Geschichte Dich betrifft.â Jurek Beckers Roman Der Boxer und die filmische Adaption durch Karl Fruchtmann â ein Vergleich. In: Lea Wohl von Haselberg / Lucy Alejandra PizaĂąa PĂŠrez (Hrsg.): JĂźdischer Film, ein neues Forschungsfeld im deutschsprachigen Raum. edition text + kritik, MĂźnchen 2022, ISBN 978-3-96707-721-6, S. 273â290.
Weblinks
⢠Literatur von und ßber Karl Fruchtmann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
⢠Karl Fruchtmann bei IMDb
⢠Karl-Fruchtmann-Archiv im Archiv der Akademie der Kßnste, Berlin
⢠Kurze Biografie auf dem Filmblog deutsches-filmhaus.de
⢠Nachruf von Radio Bremen (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive)
Einzelnachweise
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cite-note-3939. â Die Grube. Drehbuch zu einem Film. Donat, Bremen 1998, ISBN 3-931737-44-6
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cite-note-4141. â Deutsche Nationalbibliothek
cite-note-4242. â Deutsche Nationalbibliothek
cite-note-4343. â Nea Weissberg-Bob (Hg.): Jetzt wohin? Von aussen nach innen schauen. dort: âDas Lied vom Kind das der Mutter sein letztes Brot geschenkt hatâ, S. 40â43
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cite-note-4545. â https://www.theatertexte.de/nav/2/2/3/werk?verlag_id=ahn_und_simrock&wid=245248692&ebex3=3
cite-note-4646. â Nachruf. In: The New York Times. 3. September 1983, abgerufen am 12. Mai 2021.
cite-note-4747. â Ansprache zur Ehrung am 19. Juli 1989. In: Klaus Wedemeier (Hg): Mut zum Erinnern - gegen das Vergessen. Reden und Texte zum Umgang mit deutscher Schuld und Verantwortung, Donat, Bremen 1994 ISBN 3-924444-81-1